Gründungsgeschichte

 

Schon in den Jahren 1908 bis 1910 fanden sich die selbständigen Pflasterer,- und Steinsetzermeister Bielefelds zu gelegentlichen Besprechungen über Berufsfragen zwanglos zusammen. Damals war das Hauptproblem die Diskussion über die Gestaltung des Lohnes und die Streikabwehrmaßnahmen. In diesen Jahren nach 1900 hatte ein Tarifvertrag nur eine kurze Lebensdauer, und die Bemühungen um einen Ausgleich wurden oft durch Streiks gestört. Gegen diese immer wieder erneuten Lohnforderungen und Streiks, und im Interesse einer angemessenen Preisbildung, die nicht ständig durch Lohnbewegungen beeinflusst werden sollte, schlossen sich daher die Bielefelder selbstständigen Meister Karl Pollmann, Robert Becker, Gebr. Hans, August Quakernack und Christian Mühlenschläder zu einer Gemeinschaft zusammen.

 

 

 Mit dem 23. August 1911 wurde von den Betriebsinhabern Robert Becker, Carl Pollmann, Nicolaus Rohwer, Herrn Ringsdorf , Herrn Mühlenschläder und August Quakernack der Antrag an die Handwerkskammer Bielefeld gerichtet, eine Versammlung zwecks Gründung einer freien Innung für das Steinsetzergewerbe in Bielefeld einzuberufen.

 

Diese Einladung erfolgte durch die Handwerkskammer zum 31. August 1911. Es wurde an diesem Tage der Beschluss zur Gründung der Innung gefasst. Das Statut, unterzeichnet von den Herren August Quakernack, Herrn Ringsdorf , Robert Becker, Karl Pollmann und Nicolaus Rohwer stellte der Innung die Aufgabe, die Pflege des Gemeingeistes und die Aufrechterhaltung und Stärkung der Standesehre ebenso zu beachten, wie sich für die Förderung eines gedeihlichen Verhältnisses zwischen Meistern und Gesellen und für die Fürsorge (Herbergswesen) und den Arbeitsnachweis einzusetzen . Die Regelung des Lehrlingswesens, Bemühungen um die technische, gewerbliche und die sittliche Ausbildung der Lehrlingen im gesetzlichen Rahmen der Gewerbeordnung Ordnung sowie sozialpolitische Aufgaben gehörten außerdem zu den Pflichtaufgabenbereich dieser Gemeinschaft.

Daneben aber musste die Innung als wirtschaftlicher Zusammenschluss von Gewerbebetrieben sich naturgemäß auch verpflichtet fühlen, die gewerbliche und technische Ausbildung der Meister und Gesellen zu fördern sowie evtl. Schulungen oder Fachkurse zu veranstalten. Da zu einem gedeihlichen Innungsklima auch eine soziale Betreuung der Mitglieder, deren Angehörigen, ihrer Gesellen, Lehrlinge und Arbeiter in Fällen der Krankheit, des Todes, der Arbeitsunfähigkeit und sonstiger Bedürftigkeit gehörten, behielt sich die Innung vor, evtl. hierfür Kassen zu errichten.

 

Die wirtschaftlichen Aufgaben, die sich die Innung zum Ziel setzte, mussten sich aber auch auf Vorteile eines evtl. Ein- und Verkaufs, auf Einführung neuer Arbeitsmethoden von Werkzeugen und Maschinen wie auch auf eine gründliche Kalkulation der Arbeiten und Abwehr gewerbefeindlicher Einflüsse erstrecken. Gerade diesen Aufgaben hat die Innung immer im Interesse ihrer Mitglieder besondere Aufmerksamkeit gewidmet.

 

Das die Verhältnisse im Pflasterergewerbe in Bielefeld im Herbst 1911 keine erfreulichen gewesen sind, zeigt ein Artikel aus der Volkswarte vom 18. 9. 1911, dem von Arbeitnehmerseite die vielfach geforderten „Schundpreise" auf das Schärfste kritisiert werden und man dabei die vielleicht nicht ganz unberechtigte Vermutung ausspricht, dass die Unterbietung zu einem gewissen Teil zu Lasten der Arbeitnehmer, also „auf dem Buckel des Arbeitnehmers" ausgetragen werden. Schon damals beanstandete man, dass die Stadtverwaltung Offerten berücksichtigte, die weder einen angemessenen Verdienst für die Pflasterer, noch eine ausreichende Gewinnspanne für die Unternehmer beinhalteten. Man zog Vergleiche zu Städten des Industriebezirks, oder auch der benachbarten Städte Osnabrück und Minden und musste damals (wie auch heute!) feststellen, dass die Preise dort wesentlich besser waren als in Bielefeld.

 

Die Innung schloss sich später dem Pflastermeister-Verband von Rheinland-Westfalen an, "dem vorher bereits die Betriebe M. Buttner, Minden; R. Becker, Bielefeld; Christian Gröschler, Gütersloh; C Immig, Paderborn; Wilhelm Jakobsmeyer, Paderborn; Karl Pollmann, Bielefeld; August Quakernack, Brackwede, als Mitglieder angehörten.

Die besondere Notlage, in der sich der Berufsstand des Steinsetzer- und Straßenbaugewerbes befand, geht aus einer Eingabe hervor, die gemeinsam von der Arbeitgeberschaft und der Arbeitnehmerschaft der Steinsetzer-Zwangsinnung für den Regierungsbezirk Minden, Sitz in Bielefeld , und in deren Auftrag durch den Obermeister Karl Pollmann und den Gesellenwart Wilhelm Brinkmann am 24. 11. an alle Behörden und bauvergebenden Stellen gerichtet wurde. Hieraus einige Kernpunkte:

 

,, Das Steinsetzer- und Straßenbaugewerbe im Reg.-Bez. Minden leidet zur Zeit schwer unter Arbeitslosigkeit. Der größte Teil der Arbeitskräfte liegt brach und fällt der Arbeitslosenfürsorge zur Last. Wenn nicht recht bald Arbeiten überwiesen werden, wird das gesamte Gewerbe dem Ruin zugeführt . Es wäre leicht, der um sich greifenden Not dadurch abzuhelfen, dass Ausbesserungsarbeiten vorgenommen würden. Es würde auch der rasend schnellen Zerstörung des Straßenbelags Einhalt geboten. Nicht dadurch wird dem Steinsetzer- und Straßenbaugewerbe geholfen, dass einzelne Personen in Regie bei Pflasterungen beschäftigt werden, das gesamte Gewerbe ist auf Aufträge angewiesen."

 

An der Erhaltung leistungsfähiger Betriebe und eines tüchtigen, fachlich auf der Höhe stehenden Arbeiterstandes im Steinsetzer- und Straßenbaugewerbe sind nicht allein die betreffenden Unternehmer und Arbeiter interessiert, sondern in hohem Maße auch alle jene Kreise, denen der Ausbau und die Erhaltung der für unser volkswirtschaftlich so außerordentlich wichtigen und große Werte umfassenden Beläge der Verkehrsstraßen, Wege und Plätze. Die trostlose Finanzlage darf den Behörden und den Gemeinden nicht davon abhalten, dem Steinsetzer- und Straßenbaugewerbe zu helfen. Gute Straßen werden in Zukunft gebraucht werden. Starker Verkehr wird das charakteristische in der Zukunft des deutschen. Wirtschaftslebens sein. Nicht Almosen sind es, um die wir Sie bitten, wir geben vollgültig (den vollen Umfang gültig , uneingeschränkt gültig) wieder durch Einsetzung und Betätigung unserer Arbeitskraft."

 

In den nächsten Jahren, die durch die Inflation gekennzeichnet waren, hatte sich die Innung vorübergehend von dem Pflastermeister-Verband Rheinland-Westfalen getrennt, und zwar hauptsächlich wegen der starken Lohnerhöhungen im Ruhrgebiet, die für die Betriebe der hiesigen Innung nicht tragbar erschienen. Die Innung übernahm während dieser Zeit die Lohnabkommen und die sonstigen Tarifbestimmungen des Zentralverbandes der Steinsetzer- und Pflasterer-Berufsgenossenschaft. Deutschland und hat in der Zeit vom 25.4.1923 bis zum 16.10.1925 nicht weniger als 35 Lohnverhandlungen und Tarif abschlösse getätigt. Am 1.4. 1920 erhielten der Pflasterer 5,— Mark und der Rammer 4,91 Mark Stundenlohn. Es steigerten sich diese Entschädigungen z. B. über den Tarifvertrag vom 8.5. 1922 mit 27,95 Mark für den Pflasterer und 27,85 Mark für den Rammer auf 1000000 Mark und 900000 Mark" Wohlfahrtsgeld für den Pflasterer und 28500000 und 900000 Mark Wohlfahrtsgeld für den Rammer durch Tarifvertrag vom 24. 9.1923!

 

Als nach Einführung der Rentenmark wieder Ordnung im Geldwesen und damit auch in der gesamten wirtschaftlichen Situation eingetreten war, wurden durch Tarifvertrag vom 3. 6. 1924 für den Pflasterer ein Stundenlohn von 0,79 + 0,02 RM Wohlfahrtsgeld und für den Rammer 0,71 RM Stundenlohn und 0,02 RM Wohlfahrtsgeld vereinbart. Die zusätzlich bewilligten Beträge mit der Bezeichnung Wohlfahrtsgeld flössen in eine „Wohlfahrtskasse" der Innung, für die der Pflasterermeister August Quakernack, Brackwede, verantwortlich zeichnete. Als Ausdruck einer besonders sozialen Einstellung der Betriebsinhaber mag diese Wohlfahrtskasse gelten, aus der man Feriengeld sowie notwendige Unterstützungen an die Arbeitnehmer zahlte. Schon damals wurde das Verkleben von Marken in besondere dafür bestimmte Karten vorgenommen, also die Einbringung der notwendigen Mittel in diese Kasse in ähnlicher Form vorgenommen, wie sie später für die Urlaubskasse in der Bauwirtschaft allgemein Anwendung fand.

 

Die Löhne stiegen rasch an und erreichten ihren Höchststand für die Pflasterer mit 1,35 RM und für die Rammer mit 1,25 RM. Trotz dieser Lohnsteigerungen war aber die wirtschaftliche Entwicklung der nächsten Jahre nur vorübergehend eine günstige. Sehr bald wurde die Arbeit weniger, und die Erwerbslosigkeit erreichte für damalige Verhältnisse ungeahnte Ausmaße. Der Steinsetzer-Zwangsinnung für den Reg.-Bez. Minden unter der tatkräftigen Leitung ihres Obermeisters Karl Pollmann, der auf das beste von seinen Vorstandskollegen unterstützt wurde, gelang es aber, durch einheitliche und von den Betrieben auch eingehaltene Lohnabkommen, das Verhältnis zwischen Unternehmern und Mitarbeitern erträglich zu gestalten.

 

Für die gesamte Wirtschaft und damit auch für das Pflasterer- und Straßenbaugewerbe brachte die Zeit nach 1933 einen erheblichen Umbruch. Wie bei allen Organisationen der gewerblichen Wirtschaft, so wurde auch in der Innung das Führerprinzip eingeführt und dieser Zusammenschluss für alle selbständig dieses Gewerbe ausübenden Personen zur Pflichtorganisation. Unter dem Namen „Pflasterer-, Steinsetzer- und Straßenbauer-Innung Bielefeld" wurde am 1. September 1934 eine neue Satzung errichtet, nachdem bis dahin die Satzung vom 31. 8.1911 mit Ergänzungen aus den Jahren 1921 und 1930 in Kraft gewesen war.